Teilzeit prägt den deutschen Arbeitsmarkt immer stärker, wodurch auch Versorgungslücken im Alter wachsen. Gastautor Sven Geißler, Gewinner des Stuttgarter bAV-Preises 2026, zeigt, warum Unternehmen darauf mit einem strategischen bAV-Konzept reagieren sollten.
Mit dem Stuttgarter bAV-Preis zeichnet Die Stuttgarter Arbeiten aus, die wissenschaftliche Qualität mit hoher Praxisrelevanz verbinden. Einer der diesjährigen Preisträger ist Sven Geißler. In seinem Gastbeitrag greift er ein Thema auf, das für Unternehmen und Vermittler zunehmend an Bedeutung gewinnt: die Folgen des anhaltenden Teilzeittrends für die Altersvorsorge.
Gastbeitrag Sven Geißler:
Der deutsche Arbeitsmarkt befindet sich im Wandel. Teilzeitbeschäftigung entwickelt sich zunehmend zum Normalfall. Bereits heute arbeitet nahezu jeder dritte Beschäftigte in Deutschland in Teilzeit. Diese Entwicklung spiegelt gesellschaftliche Veränderungen wider, etwa den Wunsch nach besserer Work-Life-Balance, eine steigende Erwerbsbeteiligung und den Fachkräftemangel.
Gleichzeitig entstehen daraus gravierende Folgen für die Altersvorsorge. Weniger Arbeitszeit bedeutet geringeres Einkommen und führt damit unmittelbar zu niedrigeren Rentenansprüchen. Hinzu kommen oft reduzierte oder fehlende betriebliche Altersversorgung sowie unterbrochene Erwerbsbiografien. Das Resultat ist eine wachsende Versorgungslücke im Alter, insbesondere bei Teilzeitkräften, Geringverdienern und Beschäftigten mit Familien- oder Pflegezeiten.
Ein zentraler Trend verstärkt dieses Problem. Der Beschäftigungszuwachs der letzten Jahre wurde vor allem durch Teilzeit getragen, während Vollzeitstellen stagnieren. Dadurch arbeiten zwar mehr Menschen, jedoch insgesamt weniger Stunden pro Kopf, mit entsprechend geringerer Vorsorgewirkung. Die bestehenden Vorsorgesysteme, die auf kontinuierliche Vollzeitbiografien ausgelegt sind, geraten damit zunehmend an ihre Grenzen.
Neue Anforderungen an Unternehmen
Für Unternehmen ergibt sich daraus eine strategische Herausforderung im Rahmen der Demografieplanung. Arbeitgeber übernehmen in Zeiten sinkender gesetzlicher Absicherung zunehmend eine zentrale Rolle in der sozialen Absicherung ihrer Mitarbeitenden.
Die Lösung: betriebliche Altersversorgung strategisch nutzen
Ein wirksamer Ansatz liegt in der gezielten Nutzung der bAV im Rahmen eines integrierten Demografiekonzepts. Besonders relevant ist hierbei die staatliche Förderung nach § 100 EStG. Sie ermöglicht Arbeitgebern, gezielt Geringverdiener zu unterstützen, indem Beiträge bezuschusst werden. Dadurch entsteht eine direkte finanzielle Entlastung für Unternehmen bei gleichzeitigem Aufbau zusätzlicher Vorsorge für die Mitarbeitenden, und zwar genau dort, wo die Versorgungslücke entsteht.
Den größten Effekt erzielt jedoch die Kombination mehrerer Instrumente:
- § 100 EStG: Förderung von Teilzeitkräften und Geringverdienern durch arbeitgeberfinanzierte Beiträge mit staatlichem Zuschuss
- § 3 Nr. 63 EStG: ergänzend ein Matchingmodell mit Entgeltumwandlung, zusätzlichen Arbeitgeberzuschüssen und steigender Förderung je nach Betriebszugehörigkeit
Diese Kombination schafft ein integriertes Versorgungssystem, das sowohl die finanzielle Absicherung verbessert als auch die Mitarbeiterbindung stärkt.
Mehrwert eines integrierten Konzepts:
Ein solches Demografiekonzept bietet mehrere Vorteile gleichzeitig:
- Schließung wachsender Versorgungslücken
- Steigerung der Arbeitgeberattraktivität
- optimale Nutzung staatlicher Förderungen
- langfristige Bindung von Fachkräften
Vor allem erreicht es gezielt die Beschäftigtengruppen, die besonders stark von Altersarmut bedroht sind.
Fazit
Teilzeit ist kein vorübergehender Trend, sondern eine dauerhafte Realität des modernen Arbeitsmarktes. Ohne Anpassung der Vorsorgesysteme verschärft sich das Risiko unzureichender Altersabsicherung weiter. Unternehmen, die frühzeitig handeln und die betriebliche Altersversorgung strategisch einsetzen, profitieren doppelt. Sie sichern die Zukunft ihrer Mitarbeitenden und stärken gleichzeitig ihre Position im Wettbewerb um Fachkräfte.
Die eigentliche Herausforderung liegt daher nicht im Wandel hin zur Teilzeit, sondern darin, die passenden Antworten darauf zu entwickeln. Ein intelligentes Demografiekonzept mit gezieltem Einsatz der bAV liefert genau diese Lösung.
Gastautor: Sven Geißler, Betriebswirt bAV und Geschäftsführer der Soperis GmbH.



